Katja Marie Voigt

Über die Ästhetik mentaler Zustände –

Katja Marie Voigt setzt sich künstlerisch mit Lebenszeit im Spannungsfeld von Entfremdung und Beschleunigung auseinander. Schwerpunkt ist das Verhältnis zwischen dem selbstbestimmten Erleben von Zeit und verschiedenen mentalen Zuständen. In performativen Experimenten begibt sie sich in selbst auferlegte Zeitstrukturen, in denen das eigene Handeln und der freie Wille eingeschränkt sind. Der Fokus solcher Selbstversuche liegt bewusst und radikal auf der eigenen Empfindung. Sie nimmt gleichzeitig die Rollen von Versuchsleitung und Versuchsperson ein. Es entstehen Collagen aus Zeichnungen, Diagrammen und Texten. So untersucht sie als forschende Künstlerin zeitgenössische Debatten hinsichtlich intuitiv erfassbarer Implikationen, die rationale Argumentationsstrategien pointieren. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich vermehrt mit Kopierverfahren von Spuren des Erlebens (z.B. Graffities, Notizen oder Kartierungen). Dafür arbeitet sie mit klassischen Tiefdruckverfahren, Lithographie und Risographie. Es entstehen ständig wachsenden Sammlungen, in denen Flüchtiges und Schnelllebiges im Kontrast zu Prozessen des Erschaffens, der Sorgfältigkeit und der Geduld stehen.








Handbuch zur Überwindung der Zeit



Das Handbuch zur Überwindung der Zeit zeigt die Auseinandersetzung mit der Echtzeit individuellen Erlebens und ihrer medialen Repräsentation.

Zeit, als eine Grunddeterminante des Lebens, wird im Handbuch zur Überwindung der Zeit in ihrer Komplexität vergegenwärtigt. Jede LeserIn kann im Laufe der Lektüre ihre besondere Art und Weise der Zeitüberwindung zu fassen bekommen – und sei es nur für einen Augenblick. Das Handbuch zur Überwindung der Zeit ist ein Hand gebundenes Unikat – ein künsterisches Sammelsurium. Arbeiten, die zum Thema Zeitwahrnehmung entstanden sind werden visualisiert, diskutiert und reflektiert.

Das Handbuch kann im Rahmen der Einbuchbibliothek ausgeliehen werden – dafür bitte per Mail auf die Ausleihliste schreiben lassen.

andbuch zur Überwindung der Zeit Ausstellungsansicht, Kunsthalle am Hamburger Platz Berlin Weißensee

Handbuch zur Überwindung der Zeit Ausstellungsansicht, Kühlhaus Berlin


Alltagsprophezeiungen


Der Notizzettel ist meine alltägliche Zukunftsprophezeiung.

Ich stelle mir die Zukunft vor – die Notiz ist ein Versuch diese zu antizipieren und sie gleichzeitig in einem Medium, als Liste oder grafische Zeichnung, zu fixieren: Das Bild meiner Zeit, die kommt, geschrieben mit dem Stift auf dem Papier.

Ich sammelte meine Notizzettel und kopierte sie in Form von Radierungen.

Was ist wirklich passiert? Welche Punkte auf den jeweiligen Zetteln wurden in Aktion umgesetzt, welche umgeplant oder gar verworfen? Die Zwillingsnotiz ist die jeweils zugehörige Darstellung der Überwindung von Zeit durch erfolgte Erledigungen von zuvor Notiertem: Das real mit Zeitaufwand Vollbrachte, die erfolgten Erledigungen also, sind auf dem Zwillingszettel verschwunden. Was bleibt, ist das flüchtig Notierte, das in Vergessenheit Geratene, das, was realiter keine Lebenszeit verbraucht hat.
Beim Betrachten passiert ein Zeitsprung. Welcher Notizzettel war vorher da? Die Kopie oder die Kopie der Kopie?

Alltagsprophezeiung Ausstellungsansicht REIF // Kühlhaus Berlin
Alltagsprophezeiung
Alltagsprophezeiung
Alltagsprophezeiung
Alltagsprophezeiung
Alltagsprophezeiung
Alltagsprophezeiung



Aufwachmoment

Es gibt diesen Moment zwischen Schlafen und Wachen. Diesen Moment, an den man sich objektiv erinnern kann. Man liegt im Bett und wacht auf: das beißende Weckergeräusch, das Bewusstwerden, das Weichen des Traumes. Kann man diese mentale Situation konservieren, um sie noch einmal hervorzurufen?

Aufwachen ist das Ende und der Anfang
Aufwachen ist ein Zwischenstadium
Aufwachen ist ein Übergang

Der Übergang zwischen Schlafen und Wachen wird überwunden, indem seine Flüchtigkeit in dem Paar aus Wort und Zeichnung reproduzierbar wird.
Ich kann im Nachhinein den kompletten Moment wiederherstellen: Wenn ich die Zeichnungen sehe und meine selbst gesprochenen Worte höre, verkoppeln sich diese nachträglichen Ausdrucksformen zu einem neuen Eindruck und führen in die sinnliche Erinnerung des kurzen Augenblicks vom Übergang in das Tagesbewusstsein zurück. Ich erlebe die Farben wieder, die Bewegungen, den fast noch traumhaften Kontext des Augenblicks, als der Traum schon im Verschwinden begriffen war und das Tagesbewusstsein langsam auftauchte - als ob durch hingehauchte, halbwach geflüsterte Worte und nachträgliche Zeichnungen mein inneres Auge wieder farbig sehen könnte und innere Fühler wüchsen, um den untergegangenen Traumfetzen wieder zu verlebendigen.


Aufwachmoment


Aufwachmoment


Aufwachmoment


Aufwachmoment


Aufwachmoment



Tag


Tag
Tag
Tag
Tag


Sinnesausflug

Kreis und Kreuzung – Ich laufe im vorgegebenen Takt der Ampelschaltungen über jede Straße einer Kreuzung, so dass ich einen Kreis beschreibe. Ich stoppe die Zeit. Dieses Prozedere dauert erfahrungsgemäß, je nach Verkehrsaufkommen an der jeweiligen Kreuzung, zwischen zwei bis vier Minuten. Ich zeichne unmittelbar nach der Runde meine prägnantesten Wahrnehmungen aus der Erinnerung und nehme mir dafür dieselbe, zuvor gestoppte Zeiteinheit.
Durch die mir auferlegte Zeitbegrenzung, habe ich keine Zeit mir zu überlegen was genau ich skizzieren möchte. Ich skizziere frei aus der Hand: schnell, spontan, selektiv. Die Repräsentanz der Kreuzungsumrundung zeigt sich auf meiner Skizze, die das direkt Wahrgenommene ganzheitlich zum Ausdruck bringt.Die Unmittelbarkeit des ikonographischen Notierens, in derselben Zeiteinheit wie die Handlung kurz davor, fixiert den mentalen Zustand in der Situation in der Skizze.
WORKSHOP

Im Rahmen der Ausstellung „are you there“ im L40, Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e.V. habe ich den Sinnesausflug „Kreis und Kreuzung“ als Workshop mit Gruppen unternommen. Die Ergebnisse – die medialen Repräsentationen der Teilnehmerinnen in Form von A4 Zeichnungen – wurden in einer wachsenden Installation in der Ausstellung gezeigt sowie gemeinsam diskutieren.
Jede TeilnehmerIn hat den Sinnesausflug anders erlebt, medial repräsentiert und refektiert. Ent- worfen wurden mit den künstlerischen Ergebnissen also verschiedene Materialisierungen individueller mentaler Zustände im Kontext zeitlicher Episoden – hier der Kreuzungsumrundung. Die Unterschiedlichkeit individuellen Erlebens und damit auch der individuellen Zeitwahrnehmungen wird in Bezug auf die schon gelebte Zeit sichtbar.

Cube Workshop Ausstellungsansicht Workshop Sinnesausflug // L40, Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e.V.

Cube Workshop Ausstellungsansicht Workshop Sinnesausflug // L40, Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e.V.

Kreis und Kreuzung Bleistift auf Papier / 2:07 min

Kreis und Kreuzung Bleistift auf Papier / 3:00 min

cave community

In Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen Elisa Dierson, Felix Stumpf und Kindern aus der Carl-Bolle Grundschule haben wir in einem einwöchigen Workshop ein Höhlendorf gebaut, gesägt, geknotet, gespannt – darin gelebt.
Zwanzig Berliner Kinder und Kinder mit Fluchthintergrund haben aus Stoff, weißem Karton, Seil und Holzlatten als Ausgangsmaterialien in Teams ihre eigenen Höhlen gebaut. Es entstand ein Dorf mit acht Höhlen und dem Versammlungsort "Höhlenplatz". Auf diesem wurden gemeinschaftliche Belange behandelt. Eine kleine autonome Kommune entstand, in welcher am Ende sogar eine eigene Dorfpolizei gewählt wurde.

Höhlendorfworkshop Höhlendorfworkshop

CV


Katja Marie Voigt

* 1986 Bonn

Seit 2015 // PhD. candidate Bauhaus Universität Weimar, FG freie Kunst

2013 // Master of Arts, forschende Kunst im öffentlichen Kontext, Kunsthochschule Berlin Weißensee

2011 // Bachelor of Science, Architektur, TU Berlin

seit 2012 // Vorsitzende und Gründungsmitglied Kunst Werk Stadt Berlin e.V.


Auswahl
Kulturprojekte


2016 - DATO // Penthaus für schöne Formate / Gründung des Projektraums und Risographiewerkstatt / gefördert von der Stiftung Anstiftung (im Rahmen des Projektes ZUsammenKUNFt, Pilotprojekt der Initiative Haus der Statistik, Berlin)

2016 // Ein Kunstpostamt / Kunstvermittlungsprojekt im Penthaus für schöne Formate / gefördert durch das Programm Künste öffnen Welten, BKJ

2016 // cave community / im Rahmen des Projekts SALONwelcome / gefördert durch den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung

seit 2013 - 2017 // Moabees – ein Pilotinnenprojekt am ZK/U Berlin / gefördert durch das Programm Künste öffnen Welten, BKJ

2013 // Gründung Künstlerinnengruppe Moabees

2012 - 2013 // Bienenbewegung / gefördert durch den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung


Auswahl
Ausstellungen / Vorträge / Veröffentlichungen




2016 // Ausstellung Künstlerinnengruppe Moabees / HONIGKINO #3 / ZK/U Berlin

2015 // Gruppenausstellung / ARYOUTHERE? / L40, Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz e.V.

2014 // Einzelausstellung / IMAGO / Galerie Zwitschermaschine, Berlin

2014 // Gruppenausstellung / REIF /Kühlhaus Berlin

2014 // Gruppenausstellung / TIME / Salon am Moritzplatz Berlin

2014 // Gruppenausstellung / ANONYME ZEICHNER – Based in Berlin / Pavillon am Milchhof Berlin

2014 // Vortrag / MOABEES / Kubinaut – Partnerbörse Kulturelle Bildung #3 Berlin Prodewil

2013 // Lesung / HANDBUCH ZUR ÜBERWINDUNG DER ZEIT / Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin Weißensee

2013 // Gruppenausstellung / 7LOCOMOTION / Kunsthalle am Hamburger Platz, Berlin Weißensee

2013 // Veröffentlichung / Artikel BIENEN UND KUNST / Ausgabe 4 November 2013 Kultur bildet / Zeitung Politik & Kultur

2012 // Gruppenausstellung / MONHABITE EINE EXPEDITION/ ZK/U (Zentrum für Kunst und Urbanistik, Berlin)

2011 // Vortrag / IBA LABOR Kunst Stadt, Hamburg / mit dem Club der internationalen Raumforscher Berlin

Links

Penthaus für schöne Formate.
Kunst Werk Stadt Berlin e.V.
Moabees – ein PilotInnenprojekt
Bienenbewegung
Bienengärtchen POG
Artikel in der Zeitschrift Kultur bildet

Impressum

Katja Marie Voigt
co Studio Stadtbad
Ganghoferstraße 2
12043 Berlin

info@katjamarievoigt.com

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